Eine Geschichte von Carina:

Das Kind unterm Sternenhimmel
So saß dieses Kind namens Claudine unterm Sternenhimmel auf einer Bank,
blickte nach oben und schien sich dem Staunen hinzugeben.
Es war dunkel und ein entlegener Teil des Ortes, in dem sie wohnte.

Da kam eine alte Frau am Stock des Weges und fragte sie:
"Was machst denn du da in dieser Dunkelheit und so ganz alleine?".

Claudine antwortete:
"Der Sternenhimmel ist heute besonders schön und die Nacht so klar und dazu noch Vollmond.
Ich musste nach draußen. Magst du dich zu mir setzen?".

Gerne setzte sich die alte Frau zu ihr und ließ sich von dem Staunen des Kindes mitnehmen.
Jedoch bald wurde ihr kalt und sie begann zu frieren und so fragte sie das Mädchen, ob es mit ihr kommen möge.
Obwohl Claudine oftmals gewarnt wurde, niemanden nach Hause zu begleiten,
war sie sich der Feinheit und Ehrlichkeit dieser Frau so sicher, dass sie mitging.

Das Zuhause lag sehr nah von ihrem und wärmte ihr Herz sehr.
Das Haus, in dem die alte Frau wohnte, war so was von gemütlich;
noch dazu stand ein Kamin in der Stube, der geheizt war und an dessen Ofenbank sie Platz nahm,
nachdem sie gefragt hatte, ob sie das dürfe.

Eine Katze schlich um ihre Beine und, um sich aufzuwärmen, gab es
heißen Tee und selbstgebackene Kekse, bei denen sie gerne zulangte.

Die alte Frau war von der Dankbarkeit und Wohlerzogenheit des Kindes
so berührt und Tränen standen in ihren Augen.
Dies sah Claudine und fragte, ob sie traurig sei.
"Nein, im Gegenteil, dein Besuch macht mich sehr glücklich".

Das Mädchen hatte das Empfinden, das diese Frau sehr einsam war, etwas, das sie so gut kannte.
Zugleich wusste, dass ihr Leben noch am Anfang stand und das der Frau dem Ende zuging.

So fragte sie die alte Dame, denn das war sie für sie in ihrer Schlichtheit,
Einfachheit sowie Bescheidenheit, die sie für sie ausstrahlte.
"Möchtest du mir etwas erzählen?"

Die alte Frau sah sie an und sagte:
"Viele Menschen, die ich liebte, sind schon in ganz jungen Jahren von mir gegangen,
bis ich eines Tages mich nicht mehr auf Menschen einlassen konnte, wohl aus Angst, auch jene zu verlieren.
So blieb ich allein und als ich mich wieder den Menschen öffnen konnte, sie einließ in mein Leben,
hatte sich soviel verändert in Richtung unverbindlicher Begegnungen, dass mir nur dieses blieb.

Den Sternenhimmel zum Beispiel, sowie du ihn wahrzunehmen scheinst,
mit diesem großen Staunen, sehe ich erst seit wenigen Jahren.

Mein Wesen hat sich so von allem Leben zurückgezogen, zwar immer hoffend und wartend,
dass etwas geschieht, das mich aus dieser Trägheit meinerseits herausholt.
Ich wartete und wartete und erkannte nicht, dass ich es war, die das Leben nicht mehr einließ.
Als mir dies bewusst wurde, war es zu spät für einen Neubeginn".

Tränen liefen ihr über die Wangen und das Mädchen nahm liebevoll ihr Gesicht in die Hände und sagte:
"Jetzt ist es vorbei. Wenn du das möchtest, komme ich dich gerne besuchen und bringe
all die Bücher mit, aus denen ich dir dann vorlese, wenn du magst.
Da gibt es so viel, dass ich entdecken möchte und ich bin sicher, dass du mir dabei helfen kannst.
Würdest du das tun für mich?"

Wieder der staunende Blick der alten Frau.
Was musste dieses Kind schon erlebt haben, um ein Menschenherz so zu berühren?
Es wirkte echt und ernsthaft in seiner Aussage, strahlte ein Verstehen aus, eine Herzlichkeit,
die ihr spontan das "Ja, sehr gerne" entlockte.

Das Mädchen sprang von der Ofenbank auf, umarmte sie und sagte:
"Weißt du, ich habe als Kleinkind meinen Vater verloren und meine Mutter
ist oftmals so unglaublich traurig und betrübt, dass ich sie lasse.
Sie bemerkt mich nicht einmal.

Oftmals habe ich das Gefühl, das ich die Grosse bin und sie die Kleine ist und dafür schäme ich mich sehr.
Denn sie ist und bleibt meine Mutter und ich möchte so sehr verstehen, warum sie nicht anders kann.

Durch dich beginne ich zu erahnen, dass auch in ihrem Leben
sehr Schmerzliches geschehen sein muss, so dass sie nicht anders kann".

Traurig sahen sie die Augen des Kindes an.
Jetzt begann die alte Frau zu verstehen, welches Geschenk ihr an diesem Abend erneut gereicht wurde.
Diesmal nahm sie es voll und ganz und umarmte zart dieses Mädchen namens Claudine.

Sie sagte:
"Ich heiße Esther und du bist immer bei mir willkommen.
Deine Mutter ebenso, wenn sie das möchte".

Die Augen des heranwachsenden Kindes strahlten und es sagte nur das Eine:
"Danke".

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