Der Duft zur Weihnacht

Weihnachtserinnerungen von Burkhard Jysch:

"Jedes Haus, jeder Raum hat seinen eigenen Duft.
Nicht anders war es damals, als der Baum
aus dem Wald gegenüber der Straße ins Haus geholt wurde.

Es war kurz vor dem heiligen Abend, so dass es ihm zu verdanken war,
der unnachahmlich nach Wald roch, nach Fichtennadel und frischem Harz,
das in den Eimer mit Sand tropfte der ihn davon abhielt umzufallen.
Darin wie immer mit den gewöhnlichen Flüchen gerade aufgestellt,
stand er noch etwas verloren da, als wüsste er noch nicht, was wir mit ihm vor hatten.

Aber wir wussten es vom letzten Jahr und dem davor und davor.
Dieser markante Duft nach nasser Erde und Fichtenholz sollte noch später eine andere Note bekommen,
wenn die Kerzen brannten, wenn es warm um ihn und unsere schneller schlagenden Herzen wurde.

Um aber auf den speziellen Duft zurück zu kommen,
gehörte jener warme vom Wachs der Kerzen, oder jener Mutprobe,
wer denn wohl die einzelne Nadel am längsten dran halten konnte, ohne sich zu verbrennen.

Ich will nicht sagen, dass die Sicherheitsaspekte bei echten Kerzen nicht vorhanden waren,
man ging damals anders damit um und hatte keine Alternative.

Die Nordmanntanne heutiger Züchtung mag sich noch so sehr anstrengen,
es fehlt ihr der Wald.
Stattdessen kommt sie aus der Schonung teils von weither,
und wird in einer Plastikreuse gefesselt transportiert wie ein gefangener Fisch.

Immer wenn sich die Tür zum großen Wohnzimmer öffnete,
mischten sich die Luftmassen und tanzten mit dem Bratenduft in der Küche
einen bizarren Tanz um unsere Nasen, die alles einsogen.
In der einfach verglasten Veranda sprossen Eisblumen an den Fenstern.
Kalte Reifgewächse, die vom Atem angehaucht neu erblühten aber geruchsneutral aus Wasser waren.

Ich hätte nichts dagegen die Zeit noch einmal durch eine leicht geöffnete Tür
in mich zu lassen mit all den Akteuren, die nicht mehr beteiligt sind,
und bin sicher, dass sie es genauso wiedergeben würden wie beschrieben."

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