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10. Mai 2026


Du bleibst liegen!

Immer, wenn der Muttertag nahte,
muss meine Mutter noch frische Erinnerungen an den letzten Ehrentag ein Jahr zuvor
in unterdrückter Freude entgegen gesehen haben.
Es änderte sich die Routine, dass sie das Frühstück vorbereitete,
und wir zwei Kinder nach und nach hinzu kamen.

Am Vortag des Muttertages verpflichteten wir sie zum Liegenbleiben,
um das morgendliche Geschenk nicht verfrüht zu sehen.
Eine gebastelte Überraschung, die sich Jahr um Jahr ähnlich abspielte,
und somit das Prädikat "Überraschung" langsam verlor.
Es schlichen sich, schon früh wach, zwei mit Eimern und Schaufel bewaffnete Kinder
in Richtung der nahe liegenden ungenutzten Wiese,
die sich wie ein Teppich vor dem Auenwäldchen ausbreitete,
das selten Besuch bekam, weil es dort einfach zu sumpfig war.

In hellem Gelb gestatteten sich wilde Primeln
das Frühlingslicht der Welt neu zu entdecken.
Sie warteten auf Bewunderer, die nicht kamen, und wunderten sich wohl
an jenem Morgen nur über die kleinen Stiefelträger, die ihnen zu Leibe rückten ...

Im Eimer sammelten sich mit Wurzel ausgegrabene kleine Blütenwunder,
die auch noch zitronig dufteten, und zu einem Mutterherz auf dem Küchentisch wurden,
das zu Tränen der Freude die jetzt geweckte Mutter im Morgenrock entdeckte,
die wir strahlend begrüßten.

Vater blieb aus bisher noch unerfindlichen Gründen länger liegen,
was aber wohl daran lag, dass er sein Frühstück mit Ei eher lieber wie gewohnt,
und nicht in einer Schwarzerde und Grassoden Sauerei zu pflegen liebte,
aus der kleine schwarze Tierchen die heillose Flucht bis zur Tischkante antraten.

Immerhin hielten wir an der Herzform fest, dem Zeichen grenzenloser Kinderliebe
für alle Pflege im Haus inklusive Küchentisch übers Jahr.
Natürlich musste das Herz verpflanzt werden
und der Marmelade und den Brötchen weichen
und natürlich musste alles mit äußerster Vorsicht wie bei einer echten Herzverpflanzung geschehen.

Eine alte Sperrholzplatte als Unterlage, und von allen Seiten langsam geschoben,
bekam das Blütenherz seinen neuen Platz irgendwo,
wohin der Hund nicht kam, um nach den Käfern zu jagen.

Mit Eimer, Schwammtuch und Putzwasser im Einsatz war schon bald
nach der Überraschung nichts mehr zu sehen, und das Jahr schaute
einer weiteren mütterlichen anstrengenden Pflege und Hege von uns Kindern entgegen.

Irgendwann aber erwähnte unsere geliebte Mutter wenige Tage vor ihrer Verehrung,
dass sie sich ganz doll auf ein Sträußchen von wilden Primeln freuen würde.
Ganz ohne Erde unten dran, und nur für eine kleine Vase.
Sie wüsste es ebenso zu schätzen.

Noch heute, so viele Jahre nach den Ereignissen
kann ich nicht an jenen wilden Primeln vorbei gehen, um an ihnen zu schnuppern.
Noch einmal den zitronigen Duft aufzunehmen und dabei zu lächeln,
wie sie es damals tat.
Ganz so wie sie es damals tat.

[ Burkhard Jysch ]
 



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