Schulanfang
1. Schultag
Heute habe ich einen Text von Buck (Burkhard Jysch) für
Euch:Die
ersten schönen Tage
Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt eine breite Treppe vor einem großen Eingang,
der zu einem stattlichen Haus gehört mit vielen Fenstern im einstöckigen
Gebäude. Ganz oben alles Frauen, darunter auf den Stufen alles Kinder
beim ersten ernsten Schritt ins Leben. Ich brauche nicht groß zu suchen
um mich zu finden auf einer der ersten Stufen. Einen Zentimeter über der
Schultüte bei zerbrechlicher Gestalt und einem zweifelnden Blick, ob ich
überhaupt aufs Bild komme.
Ich sehe einen Jungen, dem der Wind mir die blonden Haare ins Gesicht
weht und auch die Lehrerin, der das gleiche passiert. Der Rand des
schwarz weiß Fotos ist angeknabbert wie eines meiner Pausenbrote, die
ich demnächst wieder im schweren Tornister nach Hause bringen sollte. So
richtig klar war wohl den wenigsten, was mit uns alles geschehen würde.
Immerhin weinte nicht einer, sobald wir die begleitende Hand der Mutter
los ließen, und nun nach dem Gruppenfoto mit der Lehrerin in einen
gebohnerten Raum gingen, der Gebrauchsspuren trug. Statt einer
Eröffnungsrede nahm Frau L. Ihre Gitarre und begann wie
selbstverständlich zu spielen. Wie schön doch Schule sein kann, werde
ich wohl in dem Moment gedacht haben.
Ich saß vorn links von hinten gesehen und schaute soeben über den an
Spuren reichen Holztisch auf die riesige Schiefertafel durch die
Buchstabenfragmente schimmerten. Der Musikeinlage folgte eine Art
Einweisung in den Schulbetrieb, wo die Toiletten sind, und wo das Zimmer
des Rektors, was auch immer das sein sollte.
Wir waren zwölf in der ersten Klasse 1954, Mädchen und Jungs zu gleichen
Teilen dabei zwei der Jungs, die bis zum Dorfende mit mir einen
gemeinsamen Heimweg hatten. Den Rest der zwei Kilometer ging ich allein
und brauchte für den Heimweg je nach Wetterlage unterschiedliche Zeiten.
Buntstifte, Schreibheftchen, ein Apfel, das Schulbrot und einen
Stundenplan, der so allem widersprach was meinen freien Alltag bisher
ausmachte. Wie ich damit klar kam war auch wetterbedingt, denn es kam
darauf an wie viele Kriechtiere in den sommerlich vertrockneten Gräben
vor mir davon liefen, denn ich lief immer in ihnen statt auf einer
Schotterstraße. Selbst nach starken Regenfällen und in Gummistiefeln
ließ ich es mir nicht nehmen, diese Unterwasserwelt zu erforschen.
Am Ende des Schulwegs sah ich vom Berg schon die aufstrebenden Bäume
eines Waldrandes, der mit mir groß wurde und stehen blieb, bis dahinter
wieder aufgeforstet wurde. Die drei Häuser unserer Bergarbeiter
„Siedlung“ blieben verdeckt. Anhand wieder gefundener blauer
Schulzeugnisse konnte ich in Zahlen und dürren Worten nachvollziehen,
wie es mir schriftlich gegeben wurde, wo meine Stärken und Schwächen
lagen. „B. lässt sich immer noch stark ablenken“ war zu lesen, wie eine
Wiederholung.
Das beste war der Dreisatz, in dem nicht hinterfragt wurde wer mit wem
wohl verheiratet war, sondern die meisten Kartoffeln im Keller hortete.
Interessierte mich nicht so sehr wie die Antwort auf meine Frage nach
der zu erwartenden Hochzeit mit dem Bauern soundso. Wenn Marie Luise K.
ihre Haare etwas zur Seite schlug, schrieb ich manchmal ihre falschen
Antworten ab und kam nicht auf die Idee, dass sie mit ihr eine gewisse
Ähnlichkeit aufwiesen. Ich lernte daraus, dass Abschreiben nicht gut war
und Haare auch nicht, die mich verführten das Falsche zu tun.
Erdkunde wurde dann mein Favorit. Am liebsten hätte ich hinter die
Weltkarte geschaut, um zu sehen, wie es dort wohl weiter ging, denn das
konnte doch nicht alles sein? Als Spätzünder wäre ich nie auf die Idee
gekommen so alt zu werden wie heute, denn es scheint eine Art Auftrag zu
sein weiter am Leben zu forschen wie es sich verändert und weiter
entwickelt. Ich bleibe neugierig und lasse mich noch immer leicht
ablenken.
[ Burkhard Jysch ]
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